Der Hamburger Rapper Juvel veröffentlicht nach mehreren Verschiebungen, diversen Gastauftritten und den "Eintritt Frei"-Mixtapes mit "Wolkenloch" sein langerwartetes Debütalbum über Curtains Up / Groove Attack. Gastauftritte kommen unter anderem von Azad, Bass Sultan Hengzt, Manuellsen und Josof.
Juvel, da du gerade dein Debütalbum veröffentlicht hast, wird dich sicherlich noch nicht jeder kenne. Stelle dich doch bitte kurz einmal vor.
Mein Name ist Juvel. Ich bin Rapper und Songwriter bei CurtainsUp, 27 Jahre alt, ursprünglich Perser, aber zum Großteil in Hamburg aufgewachsen – und seit dem 29. Mai 2009 ist mein erstes Album "Wolkenloch" überall erhältlich. Das Album wurde produziert von m3&Noyd, phreQuincy, Benny Blanco, Blockbusters und 80’s Baby. Als Gastfeatures sind Azad, Bass Sultan Hengzt, Manuellsen, Josof und Fauzy auf "Wolkenloch" vertreten. Wer noch nichts von mir gehört hat, kann sich gerne auf meiner MySpace-Seite www.myspace.com/juvel ein Bild von mir machen. Dort gibt es mein Album-Snippet zum Anhören sowie weitere Songs und Videos von mir.
Die Geschichte um deinen Künstlernamen bzw. dessen Entstehung ist recht interessant ...
Mein Nachname ist Javaher, was im persischen "Edelstein" oder eben "Juwel" bedeutet. Mein Urgroßvater und mein Großvater waren sehr bekannte Goldschmiede und Juweliere in Shiraz und Bushehr. Als damals jeder einen Ausweis bekommen sollte, wurden die Nachnamen üblicherweise abhängig von dem Beruf ausgesucht. Daher habe ich heute den Doppel-Familiennamen "Zargaran Javaher" was "Goldschmied Juwel" bedeutet. So bin ich auf den Künstlernamen Juvel gekommen. Die Schreibweise mit dem "v" habe ich nur gewählt, damit das Ganze einzigartiger wird und mein Name Javaher wird ja auch mit "v" geschrieben. Für mich steht der Name auch für Arbeit. Juwelen sind zuerst nichts als Rohdiamanten, die erst durch den Schliff die Pracht, die sie so wertvoll macht, erhalten. Davor können sie mit gewöhnlichen Steinen verwechselt werden. Es liegt also in deiner Hand, ob du ein Rohdiamant mit Potenzial bleiben möchtest, oder dich zu einem Juwelen schleifst.
Du hast vor kurzen dein Debütalbum "Wolkenloch" über Curtains Up veröffentlicht und sicherlich auch schon einiges Feedback bekommen. Wie fühlst du dich momentan? Alles zur Zufriedenheit?
Mir geht es sehr gut. Mein Debütalbum "Wolkenloch" ist vor einer Woche veröffentlicht worden und das fühlt sich gut an. Es ist der Startschuss meiner Karriere und ich bin stolz auf das Album, vollkommen unabhängig davon, wie oft es sich verkaufen wird. Ich glaube viele Leute kennen mich noch nicht, oder sie haben ein falsches Bild von der Musik, die ich mache. Die meisten kennen mich ja von phreQuincy’s Single "Wir Sind Im Haus" und mein Album geht ja in eine komplett andere Richtung. Ich hoffe, dass mich durch "Wolkenloch" mehr Leute auf dem Zettel haben werden und dass euch das Album gefällt. Ich hoffe mit meinem Album möglichst viele Leute zu erreichen und bei ihnen das zu bewirken, was Tupac damals bei mir bewirkt hat. Die Reaktionen, die ich in den E-Mails von Leuten bekomme, die "Wolkenloch" gekauft und gehört haben, ist genau die Reaktion, die ich mir wünsche. Das sind Mails von Leuten, die ich mit meiner Musik wirklich berührt habe. Leider bin ich noch relativ unbekannt, so dass es zu wenige sind, die sich mit meiner Musik beschäftigen. Ich hoffe das ändert sich durch die Veröffentlichung. Die Leute, die mich feiern, werden dann schon anderen die Musik zeigen und zumindest bin ich denen dann ein Begriff. Beim nächsten Album werde ich dann schon einen Schritt weiter sein.
Wie kommt man auf den Titel "Wolkenloch"? Was hat es überhaupt damit auf sich? Dein erster Song war ja glaube ich "Löcher Durch Wolken" ...
Ein Wolkenloch steht für mich für Hoffnung und Optimismus. Ich bekomme oft schlechte Laune, wenn es bewölkt und regnerisch ist. Wenn die Sonne scheint, ist es schwerer, mich aufzuregen. In meinem Leben gibt es zwar einige Perspektiven, die ich mir geschaffen habe. Es ist im Moment aber alles sehr schwierig und unklar, wohin es mich führen wird. Ich habe, wie viele andere Menschen auch, sehr viel durchmachen müssen und Dinge erlebt, die bei mir ihre Narben hinterlassen haben. Die Wolken stehen für diese dunklen, negativen Zeiten. Auf meinem Album-Cover ist ein Weltuntergangs-Szenario zu sehen. Totenschädel liegen am Boden, es regnet, alles ist dunkel und verwüstet und der Himmel ist bewölkt. Ich bin vermummt mit einer Iranflagge und habe einen sehr entschlossenen Blick. Ich bin bereit zu kämpfen, für mich und für mein Land. Auf dem Arm habe ich das Wappen von Hamburg, weil ich mich für meine Stadt stark mache. Und auf dem Rücken das Logo von Curtains Up, weil ich Curtains Up im Rücken habe. Es ist aber auch ein Wolkenloch zu sehen, wo die Sonne durchscheint. Es gibt also Hoffnung, Perspektive. Ich bin in der Hölle, aber ich schaffe mir meinen Ausweg, indem ich mir den Weg durch die Wolken zur Sonne puste. Es soll daran erinnern, dass man was aus seiner Zeit machen muss. Dass man aufstehen und zur Uni, zur Arbeit, zur Ausbildung oder ins Studio gehen sollte, je nachdem, was man macht. Auf den Titel bin ich durch meinen Song "Löcher Durch Wolken" gekommen, der auch auf dem Album drauf ist und das war tatsächlich einer der ersten Songs von mir, die ich auf Deutsch geschrieben und aufgenommen habe. Der Song ist schon über 3 Jahre alt, aber trotzdem von vielen der Lieblingssong auf dem Album.
Das Album wurde überwiegend von m3&Noyd produziert. Gibt es dafür einen besonderen Grund? Die Freundschaft oder doch eher Harmonie auf musikalischer Ebene?
m3&Noyd gehören mittlerweile zu dem Kreis meiner besten Freunde. Gerade m3 ist jemand, mit dem ich sehr viel außerhalb der Musik mache. Natürlich hilft diese Chemie dabei, gemeinsam auch Musik zu machen und miteinander Zeit zu verbringen. Aber im Endeffekt ist es die Harmonie auf der musikalischen Ebene. m3&Noyd basteln immer sehr atmosphärische Beats. Wenn ich mir einen Beat anhöre, achte ich in erster Linie auf die Atmosphäre, auf die Stimmung. Bei der Musik von m3&Noyd ist diese Facette sehr ausgeprägt. Vor allem m3 trifft sehr meinen Geschmack und dadurch kommen mir bei seinen Beats immer sehr schnell Einfälle. Ich glaube meine größte Stärke ist es, die Stimmung von der Musik aufzunehmen und in meinen Texten wiederzugeben. Deshalb harmonieren wir sowohl menschlich als auch musikalisch sehr gut miteinander. Die Songs, die ich für "Wolkenloch" geschrieben habe, sind einfach m3’s Sparte. Wenn ich jetzt einen Song machen sollte für das nächste Album, der eher in die clubbige Richtung gehen soll, dann würde ich wahrscheinlich einen phreQuincy Beat nehmen, weil das wiederum eher seine Sparte ist. Aber ich mache das Ganze auch nicht bewusst. Ich höre mir die Beats an und wenn ich zu einem eine Idee habe, lass ich den auf Wiederholung laufen und schreibe den Song. So ist "Wolkenloch" entstanden.
Auf dem Song "Mano To" werden interessante, persische Samples verwendet. Könntest du dir vorstellen, mal mit einem Sänger aus deinem Volk zusammenzuarbeiten? So wie Azad auf "Stadtfalke" mit dem kurdischen Sänger Sivan Perwer?
Das Sample von "Mano To" [Anm. d. Rdk.: zu dt.: "Ich und Du"] ist von einem Song von Googoosh, einer der bekanntesten iranischen Sängerinnen. Ich glaube die Iraner werden dieses Lied alleine schon für dieses Sample feiern. Über ein richtiges Feature wie bei "Stadtfalke" habe ich schon lange nachgedacht. Auch bevor der Song von Azad und Sivan Perwer rauskam. Ich bin da auf jeden fall dran und vor allem ein Feature von dem iranischen Sänger Ebi wäre ein Traum für mich, den ich mir hoffentlich irgendwann erfüllen werde. "Mano To", "Löcher Durch Wolken", "Es Kann Losgehen" und "Mach Mich Gerade Für Dich" sind übrigens drei Jahre alte Songs, die es trotzdem auf "Wolkenloch" geschafft haben, weil ich diese Tracks immer noch sehr gerne höre und sie für mich auf mein Debütalbum gehören. Ich hatte insgesamt über 35 Songs für "Wolkenloch" aufgenommen, aber diese vier alten Songs fand ich krasser als einige neuere. Die haben einen sehr geilen Vibe, meiner Meinung nach.
Neben einigen Rapgästen hast du auch mit deinem alten Weggefährten und Sänger Josof wieder einige Songs gemacht. Ich habe gehört, dass ihr ein gemeinsames Projekt plant, kannst du darüber schon etwas erzählen?
Josof wird immer auf meinen Alben vertreten sein. Er ist ja sogar mein Back-Up Rapper, obwohl er gar nicht rappt. Er hat aber sehr viel Spass auf der Bühne und kann so mal den Rapper rauslassen. [lacht] Josof und ich planen seit längerem ein R'n'B-Rap-Album. Es werden also eher R'n'B-mäßige Beats sein und Gesangsparts von Josof und meine Rap-Parts. So ähnlich wie Jay-Z und R.Kelly damals bei "Best of Both Worlds". Wann wir das Ganze tatsächlich umsetzen werden, müssen wir noch sehen.
Was kannst du grundsätzlich zu deiner Musik sagen? Du distanzierst dich denke ich von dem ganzen Gangstergehabe und wirst als eine Art Straßenpoet gehandelt ...
Natürlich distanziere ich mich vom Gangstergehabe. Ich bin ein 27 Jahre alter Mann, studiere und versuche mir etwas mit meiner Musik aufzubauen und eine Familie zu gründen. Was interessiert mich da wer der härteste Rapper ist? Ich kann mir vorstellen, wie man auf den Begriff "Straßenpoet" kommt und er trifft auch irgendwo auf mich zu. Aber ehrlich gesagt ist mir der Begriff zu einschränkend, um mich zu beschreiben. Ein Straßenpoet ist meinem Verständnis nach ein Dichter von der Straße, der das Straßenleben in seinen Texten poetisch beschreibt. Das ist aber nur ein Teil von mir. Ich bin der Typ, der als Kriegsflüchtling nach Deutschland ins Asylantenheim kam und die Dinge erlebt hat, die damit zusammenhängen. Ich bin aber auch der Typ, der trotzdem sein Abi gemacht hat und jetzt Jura studiert. Dadurch, dass ich immer zwischen den beiden Welten stand, habe ich sehr viel mitbekommen und so meinen Horizont erweitert. Ich verstehe beide Welten. Das hört man glaube ich auch an meiner Musik. Ich bin kein Gangster, da kenne ich schlimmere Jungs und ich mache auch kein Gangsta-Rap. Das macht Bushido und es funktioniert gut, dann gibt’s noch ein paar bei denen es ganz ok läuft und tausend andere bei denen gar nichts geht. Ich möchte irgendwann in der Lage sein, Musik zu machen, die auch außerhalb der Rap-Szene gefeiert wird und jede Altersklasse anspricht, wie ein Xavier Naidoo zum Beispiel.
Wie steht es aktuell um Curtains Up? Siehst du das Ganze eher als richtiges Label oder als eine Gemeinschaft von Freunden?
Ich bin mit jedem bei Curtains Up mittlerweile sehr gut befreundet. Erfan [Anm. d. Rdk.: Geschäftsführer] kenne ich seit 14 Jahren. Wir sind zusammen aufgewachsen. Aber auch die anderen sind mittlerweile alle sehr gute Freunde von mir. Mit einigen unternimmt man abseits von der Musik mehr als mit anderen, so ist das ja immer. Dadurch, dass wir uns so gut kennen und auch befreundet sind, ist die ganze Sache nicht unbedingt leichter. Wir streiten uns oft und manchmal kann man da den freundschaftlichen Aspekt nicht von dem geschäftlichen auseinanderhalten. Aber wir sind alle professionell genug, um am Ende des Tages auf einen Nenner zu kommen. Wir sind auch einfach ein Haufen von Sprücheklopfern und nutzen jede Gelegenheit, um uns gegenseitig hochzunehmen. Da ist m3 der schlimmste. Wenn wir zusammen rumhängen, sind wir ununterbrochen am Kaputtlachen. m3 ist sowieso der lustigste Mensch, den ich kenne. Aber jeder von uns hat seine Momente. Der Vorteil an der ganzen Geschichte ist, dass wir uns sicher sind, dass keiner dem anderen irgendwann über den Tisch ziehen wird oder komplett in den Rücken fallen wird, wie es bei Fremden der Fall sein könnte.
Vorher hast du bereits erwähnt, dass du Jura studierst. Welcher Weg ist dir lieber? Rapstar oder Staranwalt?
Ich komme aus einer Akademiker-Familie. Bildung ist sehr wichtig bei uns, wobei mein Vater immer gesagt hat, ich soll einfach das tun, was mich glücklich macht, mir aber auch Sicherheit bietet. Sich zwischen Rapstar und Staranwalt zu entscheiden ist einfach für mich. Ich liebe Musik und ich liebe es Musik zu machen. Ich werde versuchen mir ein Standbein aufzubauen mit der Musik und hoffe davon irgendwann leben zu können. Trotzdem gibt es andere Dinge im Leben, die mir wichtig sind. Zum Beispiel in der Lage sein zu können, meine Familie zu versorgen und ihnen das bieten zu können, was sie verdienen. Wenn mir die Musik das nicht geben kann, dann werde ich tun, was ich tun muss. Und wenn ich dazu ein Staranwalt sein muss, der 'nen dicken Sportwagen fährt und nur Anzüge trägt, dann opfere ich mich halt. [lacht] Aber im ernst, ich studiere auch nicht Jura, um Rechtsanwalt zu werden. Ich sehe mich später eher irgendwo in der Wirtschaft als Rechtsberater. Ich möchte mich auf Medienrecht spezialisieren. Erstmal will ich den Abschluss schaffen und dann weitersehen.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Glück und Erfolg in deiner Karriere. Gibt es noch etwas, das du unbedingt loswerden willst oder den Lesern auf unserer Seite mitteilen willst?
Ich habe zu danken! Mein erstes Album "Wolkenloch" ist ab sofort überall zu haben. Meine Musik versteht man nicht, wenn man kurz durch skippt. Hört euch das Album in Ruhe an. Gebt euch das Album-Snippet, die Songs und die Videos auf www.myspace.com/juvel. Wenn es euch gefällt, kauft euch das Album. Wenn es euch nicht gefällt, kauft es trotzdem und schenkt es irgendjemandem, dem es gefällt. Handschlag Faust!