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Nazar Interview
Nazar
Der aus Wien stammende Rapper Nazar veröffentlicht mit "Paradox" sein neues und inzwischen zweites Album über Assphalt Muzik / Groove Attack. Gäste auf der neuen LP des Iraners sind Jonesmann, Summer Cem, Chakuza, Raf Camora, Godsilla, Baba Saad und Ozan.

Links:
www.nazar10.at
www.assphalt-muzik.com

Review:
"Paradox" Review
Video / Snippet:
"Präsidenten Wahl" Video
"Paradox" Snippet

Gewinnspiel:
Nazar Gewinnspiel

Interview

Nazar, momentan steht dein neues und inzwischen zweites Album "Paradox" an. Wie fühlst du dich momentan? Gehst du der Veröffentlichung angespannt oder eher locker entgegen?

Ich sehe das immer so gelassen. Momentan ist wegen Interviews, Promotion und diversen anderen Angelegenheiten sehr sehr viel zu tun und ich bin auch ein bisschen hin und her geflogen. Auch das Video ist im Kasten. Ich freue mich momentan einfach, dass das Album jetzt rauskommt. Du weißt ja, dass es immer eine aufwändige Prozedur ist, bis so ein Album fertig ist und schlussendlich in die Läden kommt.


Was darf man vom ersten Video erwarten?

Es ist gemeinsam mit meinem Bruder Summer Cem und heißt "Präsidenten Wahl". Jeder, der meine Videos kennt, weiß, dass ich die Nummer 1 in Österreich bin, was Videos angeht. Wir haben da dieses Mal noch mal 20 Stufen draufgepackt, was natürlich ganz ganz krass ist.


Hast du bestimmte Erwartungen oder Ziele in "Paradox" gesteckt?

Ganz ehrlich, mein einziges Ziel für mein Ego und für mich persönlich war einfach, mich persönlich zu verbessern und mir raptechnisch sowie in der Beatauswahl ein noch höheres Ziel zu setzen und mich selbst zu übertreffen und ich denke, dass mir das sehr gut gelungen ist.


Nazar Was steht für dich hinter dem Titel "Paradox"?

Man soll sich das Album anhören und daraus dann selbst assoziieren, was man möchte.


Wie würdest du die Unterschiede zu deinem ersten Album "Kinder Des Himmels" sowie deine Entwicklung als Künstler seitdem beschreiben?

Beim letzten Album, was ja mein allererstes Album war, waren noch viele Tracks dabei, die zu den ersten Tracks gehört haben, die ich überhaupt je geschrieben habe. Damals ging alles ganz schnell. Ich hatte nicht viel Zeit und auch nicht viel Kohle, sodass ich ein bisschen Geld zusammengekratzt habe, vier Wochen nach Berlin gefahren bin und an die 20 Tracks mit Beatzarre [Anm. d. Rdk.: Berliner Produzent] geschrieben und am gleichen Abend noch aufgenommen und produziert habe. Am Ende haben wir dann die 16 besten Tracks genommen – und dafür ist es dann schon ziemlich gut geworden. Jetzt mit der Zeit bin ich natürlich gereift und habe mehr Erfahrung, sowohl vor dem Mikro als auch beim Schreiben. Ich weiß, wie ich Stories und Emotionen in den Beat verpacke und so weiter und denke, dass man das auf jeden Fall auf dem Album auch raushören wird.


Würdest du auf Grund deiner Weiterentwicklung im Nachhinein gesehen an deinem ersten Album irgendetwas verändern?

Nein. "Kinder Des Himmels" ist auf jeden Fall für viele Leute jetzt schon ein legendäres Album und das war, glaube ich, das beste Debüt, das ich hinlegen konnte - vor allem für jemanden, der davor gerade mal 6 Monate geschrieben hat. Ich bin richtig glücklich über das Album und auch wenn ich mal eine verrückte Zeit habe und dann Sachen schreibe, über die ich in fünf Jahren nicht mehr so denke, werde ich auf jeden Fall dahinterstehen.


Du hast in Berlin aufgenommen und arbeitest mit vielen deutschen Labels oder Agenturen zusammen. War es von Anfang an gewollt, den Weg teilweise über Deutschland zu gehen? Oder kam das eher zufällig?

Gewollt? Weiß ich nicht. Ich bin ja kein hängen gebliebenes Opfer, das mit der Musik anfängt und seine ganze Zeit reinsteckt, ohne zu versuchen, eine feste Perspektive darin zu finden. Deshalb war mir von Anfang an bewusst: wenn ich das jetzt größer aufziehen möchte, dann will ich das auch hundertprozentig machen, unter anderem weil es natürlich langsam auch schon Nachfragen von den Labels her gab. Ich habe dann kurz versucht, mich mit der Szene in Österreich zu beschäftigen und mir anzusehen, welche Strukturen und Möglichkeiten es hier gibt, aber habe dann einfach gesehen, dass hier leider tote Hose ist. Dann kam halt das Glück, dass ich ein Konzert zusammen mit Raf und Ezai in Stuttgart hatte, welches sogar mein erster Auftritt überhaupt war, und das gleich vor 2000 Leuten. Der damalige Chef von Assphalt Muzik [Anm. d. Rdk.: Wiener Rap-Label, bei dem Nazar unter Vertrag steht] hat das gesehen und mich dann unter Vertrag genommen. Das war ein mächtig cooles Ding für mich. Alles war sehr familiär und wir haben eben angefangen, zu arbeiten.


Gemeinsam mit Jonesmann behandelst du auf dem neuen Album das Thema "Falsche Werte". Aus welcher Emotion heraus entstand dieser Song? Hat das einen persönlichen Hintergrund?

Natürlich. Im ersten Part erzähle ich, was ich so als Außenstehender in meinem Bezirk sehe und wie die Jugend sich entwickelt hat. Beispielsweise wie ihr Lifestyle ist und für welche Dinge sie sich interessieren. Und im zweiten Part erzähle ich Geschichten, die aus meinem engsten Freundeskreis kommen – und natürlich auch von mir selber.


Woran denkst du liegt es, dass die Jugend falsche Werte hat? Liegt das an der Zeit? Den Medien? Der Mentalität hier?

Es ist doch seit eh und je so, dass die Jugend falsche Werte hat. Einer mehr, der andere weniger. Ich denke, dass es viel von der Erziehung der Eltern abhängt, und davon, wie viel Freiraum sie dem Kind lassen und wie sehr sich mit dem Kind beschäftigen. Fakt ist für mich aber auch, dass die Medien und das Fernsehen die Kinder sehr stark beeinflussen und zerstört haben. Es werden keine Barrieren mehr davor gestellt, sodass etwas im Fernsehen beispielsweise nur zu einer bestimmten Sendezeit gespielt wird und davor nicht. Ich weiß ja noch, wie es in meiner Jugend war: da gab es noch keine nackten Schlampen im Fernsehen, während ich irgendeinen Cartoon geguckt habe oder so.


Nazar Mit dem Track "HC" sprichst du deine Meinung über den Österreichischen Politiker Heinz Christian Strache aus. Denkst du, dass der Song auch außerhalb der Rap-Szene für Aufsehen sorgen wird?

Das hat er schon. Ich habe viele Emails bekommen, auch von politischen Parteien, die danach mit mir zusammenarbeiten wollten. Aber ich habe es auch schon in mehreren anderen Interviews gesagt: es war definitiv nicht mein Ziel, damit jetzt in der Öffentlichkeit Welle zu schieben. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich etwas ganz anderes gemacht, zum Beispiel Promo-Videos oder andere größere Ankündigungen. Es war mir einfach persönlich und rein aus dem Herzen ein Anliegen. Ich musste das loswerden über diesen Hurensohn, ganz ehrlich. Das war das Einzige was ich wollte und ich hoffe, dass ein paar Leute der selben Meinung sind wie ich. Das war's auch schon. [lacht]


Hast du keine Angst, dass dein Album durch diesen Song eventuell auf dem Index landen könnte?

Das ist mir ganz ehrlich scheißegal. Ich habe noch nicht den Gedanken, von meinem Album so viele Platten zu verkaufen, so dass es mich stören sollte, wenn ich indiziert werde.


Wo wir schon beim Thema Politik sind: Was sagst du zu den momentanen Vorfällen im Iran?

[denkt nach] Ganz ehrlich, das ist ein ganz heikles Thema. Vor der Wahl haben sehr viele Menschen große Hoffnungen gehabt. Auch meine ganze Familie, die im Ausland lebt - in verschiedenen Ländern - sind zur Botschaft gegangen zum Wählen, weil sie etwas verändern wollten. Und dann ist es halt passiert. Es ist zu den Ausschreitungen gekommen. Ich habe erst mal nur Paranoia geschoben, weil ich niemanden von der Familie erreichen konnte, weil die ganzen Telefonnetze unterbrochen waren. Und wie ich meine Cousins kenne, werden die während den Demonstrationen nicht zuhause rumsitzen, sondern sicher mit am Start sein. Aber das größte Problem bei dieser Wahl ist eben, dass du zwischen zwei Optionen wählen kannst: zwischen Scheiße und Scheiße. Die eine stinkt mehr und die andere weniger, verstehst du? Die Leute haben einfach Hoffnung in diesen Mussawi gesteckt, weil er Dinge gesagt hat, die in eine Richtung gehen, sodass die Leute glauben, dass sich da wirklich etwas ändern würde. Aber das würde es nicht. Mussawi würde vielleicht politisch ein bisschen intelligenter agieren als Ahmadinedschad, aber er ist trotzdem ein Hisbollah-Hurensohn. Der wird jetzt nicht kommen und sagen: ihr könnt die Kopftücher ablegen, es ist kein Zwang mehr und diese Dinge halt. Es ist wirklich traurig und beschämend, dass ein Volk wie das Persische unter solchen Umständen die letzten 30 Jahre immer wieder zu kämpfen und zu leiden hatte und sich nicht weiterentwickeln kann und immer nur von der Politik gefickt wird.


Denkst du, dass sich die Proteste ausweiten werden?

Das waren jetzt die schwersten Aufstände seit 10 bis 20 Jahren oder so. Die haben auf jeden Fall schon etwas bewirkt. Es sind schon ein paar Politiker offiziell zurückgetreten. Dadurch wurde bewirkt, dass Teile der Wahl neu ausgezählt werden. Ob das letztendlich etwas helfen wird, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hat das Volk mit sehr sehr großem Stolz bewiesen, dass nicht mehr lange mit ihnen zu ficken ist. Diese Zeiten sind vorbei. Der Iran ist eines der jüngsten Länder, was die Bevölkerung angeht. Es wird nicht mehr lange so weitergehen.


Wir hoffen das Beste. Momentan arbeitest du auch an einem Kinofilm. Was kannst du darüber erzählen? Wird das ein richtiger Spielfilm oder ein Dokumentarfilm?

Es ist eine Mischung aus beidem. Ich muss leider wieder mal sagen, dass ich noch nicht viel über den Film erzählen kann. [lacht] Aber wir haben etwas richtig Cooles vor. Es wird definitiv kein 50 Cent oder Eminem Scheiss oder eine Lebensbiographie über mich. Überhaupt nicht. In dem Film spielen sehr sehr viele Charaktere, Lebensrollen und Geschichten mit und es wird ein sehr realer Film, weil kein einziger Schauspieler am Start ist. Wir haben nur Leute aus Schulen, aus Gefängnissen und aus meiner Umgebung gecastet, die da mitmachen. Also ist es hundertprozentig Leben.


Kannst du verraten, wann der Film fertig sein wird?

Also wir haben oft das Drehbuch umgeschrieben und neue Ideen gehabt und ich muss noch in den Iran fliegen, was jetzt ein bisschen scheiße aussieht, weil wir auch dort ein paar Szenen drehen wollen. Die Dreharbeiten zu dem Film sollten eigentlich gegen Ende dieses Jahres abgeschlossen sein, sodass er - sagen wir mal - Mitte des nächsten Jahres ins Kino kommen sollte.


Bei dir ging alles relativ schnell. Du hast jetzt innerhalb von 1 bis 2 Jahren deine ersten beiden Alben veröffentlicht und arbeitest bereits an einem Kinofilm. Hast du nicht die Befürchtung, dass das alles etwas zu schnell läuft und du dich irgendwann übernehmen könntest?

Ich habe mich auch teilweise schon ein bisschen übernommen. Das kommt auch daher, dass ich aus Wien bin und ich es natürlich zehnmal so schwer habe wie jemand aus Deutschland. Ich muss halt Vieles selber machen. Ich kümmere mich um alle meine Sachen selber und habe auch einen kleinen Teufel im Kopf, der Perfektionist ist. Ich schneide zum Beispiel meine Videos selber, denn alles muss genau so angepasst sein, wie ich das möchte. Ich sitze da teilweise wochenlang dran, bis etwas wirklich so ist, wie ich es mir vorstelle. Aber wie man sieht hat es anscheinend etwas gebracht, dass ich mich da zwei Jahre durchgebissen und keine Pause in Anspruch genommen habe. Ich bin sogar jetzt schon am nächsten Projekt. Ein Drittel vom nächsten Album, welches ein Kollabo-Album wird, ist schon fertig. Das muss auch auf jeden Fall noch dieses Jahr fertig werden, sodass ich dann endlich mal im Winter in die Heimat fliegen, relaxen und abschalten kann. Und nächstes Jahr wird dann wieder richtig Welle geschoben.


Kannst du schon verraten, mit wem das Kollabo-Album sein wird?

Da müsst ihr noch ein bisschen warten. [lacht]


Österreicher oder Deutscher?

Beides. [lacht]


Nazar Kannst du dir nicht vorstellen, dass du zum Beispiel bei einem Major unterschreibst und denen etwas Arbeit überlässt?

Natürlich. Was die Arbeit betrifft, kann einem Künstler nichts Besseres passieren, als von einem Major gepusht zu werden. Das Ding ist aber, dass die Zeiten sich geändert haben, um bei einem Major auch Kohle zu verdienen und überkrass bekannt zu werden. Das ist sehr schwer. Die Zeiten mit den Plattenverkäufen sind gefickt und bei einem Major muss man richtig viel einspielen, damit es auch relevant ist. Aber ich habe jetzt meine Jungs von Mellowvibes [Anm. d. Rdk.: Berliner Medienagentur], die meine Pressearbeit übernehmen. Das ist schon mal eine Riesenunterstützung für mich. Die machen das auch richtig gut. Außerdem habe ich natürlich auch Tale [Anm. d. Rdk.: Wiener Filmproduktionsunternehmen], die meine Videos drehen und mich auch immens dabei unterstützen. Ich sag denen genau, was ich haben will und wie ich mir das vorstelle und die kümmern sich dann um den Rest und suchen die Locations, sodass ich das nur noch absegnen muss. Ich habe also schon krasse Unterstützung hinter mir.


Welche Rolle spielt Nazar deiner Meinung nach in Wien und in der österreichischen Rap-Szene?

Was für eine Rolle ich spiele? Das weiß ich nicht. Also ich habe mir da echt nicht so viele Gedanken darüber gemacht, weil ich mich nicht so sehr damit und auch nicht mit der Szene in Österreich beschäftigte. Mich interessiert nicht, was da gelabert wird. Aber ich denke, dass ich den Leuten bewiesen habe, dass es möglich ist, hier aus Wien oder Österreich etwas zu machen, was auch in anderen Ländern bekannt und erfolgreich werden kann. Die Szene hier ist momentan dabei, sich zu entwickeln und ich hoffe, dass die Leute am Ball bleiben und nach 20 Schlägen in die Fresse nicht die Kraft verlieren, sodass sich da etwas aufbaut und man wirklich in ein paar Jahren davon reden kann, so etwas wie eine Szene in Wien zu haben und vielleicht sogar von der Musik leben können. Denn jetzt kann man bei weitem noch nicht davon reden.


Könnte es also durch Künstler wie dich in paar Jahren eventuell ähnlich aussehen wie in Deutschland?

Ich sage nicht, dass es wie in Deutschland laufen soll. Ich weiß auch nicht, ob es dort richtig ist. Natürlich sind die Rapper dort bekannter, also von der Vermarktung und von den Medien her wird es schon richtig gemacht. Aber ich bin ehrlich gesagt auch nicht richtig glücklich darüber, wie sich die Szene dort verhält. Das sind für mich auch größtenteils pubertierende Kinder. Das Ding ist einfach, dass die Szene hier in Österreich anders ist als die in Deutschland, denn dort haben die Leute noch eher den Gedanken hinter der Musik selbst als hinter den anderen Faktoren. Es müsste jetzt einfach ein paar Labels in Wien oder Österreich geben, die sich organisierter präsentieren. Einige Labels gibt es ja vielleicht jetzt schon, denen aber die Finanzen oder der Überblick und die Kontakte fehlen. Das dauert eben noch ein bisschen. Was aber auf jeden Fall ganz wichtig ist - und wenn das in Österreich passieren würde, dann würde auch alles viel schneller gehen: viele Leute müssten einfach ihre Fresse halten und sich um ihre eigene Scheisse kümmern, anstatt zu haten. Dann wird auch einiges hier durchstarten können.


Wo siehst du dich in 5 bis 10 Jahren?

Wo ich mich da sehe? Puh, ich kann nicht in die Zukunft blicken.


Denkst du, dass du immer noch in Wien leben wirst?

Ich würde es gerne, aber dazu kann ich auch nichts sagen. Niemand weiß, wo mich die Zeit hintreiben wird.


Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Glück und Erfolg in deiner Karriere.
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