Der deutsche "King Of Rap" aka Kool Savas veröffentlicht mit der "John Bello Story 3" den dritten und finalen Teil der "John Bello Story"-Serie über Essah Entertainment / Groove Attack. Mit dabei sind Curse, Olli Banjo, Azad, Franky Kubrick, Kaas, Ercandize, Amar, die Ying Yang Twins und viele mehr.
Kool Savas, im vergangenen Jahr hast du zwar kein neues Soloalbum veröffentlicht, aber es ist trotzdem viel passiert. Optik Records wurde geschlossen, es kam die "Brainwash Edition" der "John Bello Story 2", du hast eine Juice Exclusive EP veröffentlicht und wurdest zum Jahresende noch zum besten deutschsprachigen MC gekürt. Wie sieht dein Resümee des letzten Jahres aus?
Also ich habe versucht, die schlechten Sachen zu verdrängen. Die guten Sachen sind mir natürlich im Gedächtnis geblieben - wie zum Beispiel, dass ich von der Juice zum besten deutschen Rapper aller Zeiten gewählt wurde, dass ich wieder auf Platz 1 bei den HipHop.de Awards gelandet bin, wie die EP angekommen ist oder wie die "Brainwash Edition" lief. Und daher hab ich eigentlich auch das Gefühl, dass es insgesamt ein gutes und erfolgreiches Jahr gewesen ist. Ich bin also auf jeden Fall positiv ins neue Jahr gestartet.
Mittlerweile ist ja etwas Gras über die Schließung von Optik Records gewachsen. Wie stehst du nun, nachdem etwas Zeit vergangen ist, zu dieser Entscheidung? War es nach wie vor das Beste für dich oder gab es auch Momente, in denen du diesen Schritt schon mal im Nachhinein etwas bereut hast?
Also von der wirtschaftlichen Sicht her war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Der Rückgang bei den CD-Verkäufen hört ja nicht auf. Und aus diesem Aspekt heraus gesehen wäre es echt Quatsch gewesen, da jetzt auf Biegen und Brechen noch weiter zu machen. Außerdem ist es jetzt gerade auf der "John Bello Story 3" eh wieder so, dass die ganzen Optiker wieder vereint sind. Es ist jetzt noch nicht mal so ein riesen Unterschied zu dem, was wir davor gemacht haben - nur dass wir uns von bestimmten Lasten und Verantwortungen befreit haben.
Wie siehst du hier generell die Zukunft des Tonträgermarktes?
Schwierig. Es zeichnet sich auf jeden Fall schon ab, dass es irgendwann nur noch auf Internetbasis hinauslaufen wird. Also Downloads und so weiter.
Ein Trend, den man hier auf jeden Fall verfolgen kann ist der Zuwachs an Zuschauern bei Live Konzerten. Ist das bei dir auch der Fall?
Ja, das merkt man schon irgendwie! Komischerweise ist unser Live Geschäft besser geworden. Zu den Touren sind auch immer mehr Leute gekommen als das früher der Fall war.
Nun hast du auch neue Leute wie !Bazz um dich herum und gehst neue Wege. Wie fühlt sich das für dich an? So wie ein neues Kapitel in deiner Karriere?
Es sind eigentlich gar nicht so viele neue Leute. Wir haben ein, zwei Leute, die jetzt vielleicht ein paar andere Sachen machen, vorher aber auch schon da waren. Wo du jetzt konkret !Bazz ansprichst - der hat zum Beispiel bei der letzten Tour unser Merchandise gemacht und aktuell erledigt er so das Daily Management. Er betreut die Blogs und so weiter, hat sich aber auch musikalisch eingebracht, in dem er mit Mel [Anm. d. Rdk.: Melbeatz, gemeinsam die "Hätrz"] die Beats zusammen macht. Aber das Team ist im Grunde genommen gleich geblieben. Und auch die Jungs, mit denen ich zusammenarbeite, sind die gleichen geblieben. Also von der Arbeitsweise her war kein wirklicher Unterschied feststellbar.
Was hat es denn überhaupt mit Essah Entertainment auf sich?
Das ist einfach der Name, den wir brauchten, um das Album herausbringen zu können. Man muss ja auch bestimmte rechtliche Sachen beachten. Es muss da halt so einen Aufhänger geben, also einen greifbaren Namen. Das soll natürlich auch symbolisieren, dass alles nicht mehr auf Optik bezogen ist, sondern dass man sich eher auf eine Sache, nämlich auf mich, konzentriert als auf mehrere. Also mit Essah Entertainment wollen wir mich als Marke mehr in den Vordergrund stellen und promoten.
Also auch, um eine Plattform zu haben, bei der man selbständig bzw. unabhängig arbeiten kann?
Definitiv! Wir sind ja in jeder Form total unabhängig. Es könnte auch sonst wie heißen. Aber vom Prinzip her brauchen wir das ja auch, um mit unseren Partnern zusammenarbeiten zu können und damit die Leute auch einen Ansprechpartner haben. Es wäre schwachsinnig gewesen, das jetzt weiterhin Optik zu nennen.
Wie schon beim letzten Teil der "John Bello Story" arbeitest du mit Groove Attack zusammen. Siehst du Groove Attack als langfristigen Partner oder hast du vor, mit deinem nächsten Soloalbum dann doch wieder zu einem Major Label zu gehen?
Groove Attack ist bis jetzt auf jeden Fall der richtige Partner. Es ist bei "Bello 2" gut gelaufen, wir verstehen uns gut und haben auch generell ähnliche Vorstellungen von dem, was wir alles schaffen bzw. machen können. Weiterhin haben die ja auch damals die Aggro Sachen ziemlich groß gemacht. Ich denke Groove Attack macht das da sehr vernünftig. Ich habe mich aber auch mit anderen Leuten getroffen, so ist es nicht. Wir haben auch über andere Kombinationen und Möglichkeiten gesprochen, aber bei den Labels ist es irgendwie so, dass die denken, dass sie in einer Zeit von vor 10 Jahren leben. Die haben noch nicht verstanden, dass sich etwas verändert hat. Und die begreifen auch manchmal manche Visionen nicht. Ich hasse dieses türkische Basarprinzip: mal schauen wie weit unten man anfangen kann, wenn sie mit einem verhandeln. Die sagen einem, dass sie ihn unbedingt in ihrem Artist-Roster haben wollen, aber dann bieten die einem gleichzeitig eher so was wie einen Developerdeal an, als hätten sie ihn gerade über MySpace entdeckt. Darum bin ich auch auf kein anderes Angebot eingegangen. Weiterhin kann ich so indepentendmäßig in einem Jahr vierfach so viel verdienen als bei einem Majorlabel.
Während der erste Teil der "John Bello Story" ja noch wirklich ein Mixtape war, hat die Serie mit der Zeit immer mehr Albumcharakter angenommen. Was ist die "John Bello Story 3" nun? Ein Mixtape oder ein Album?
Definitiv ein Album! Auf jeden Fall! Mixtape-mäßig ist daran vielleicht die Spontanität, also wie es entstanden ist. Dadurch, dass wir da immer mindestens zu sechst oder siebt im Studio waren und immer da gehaust haben, ist zusätzlich noch diese Mixtapeenergie aufgekommen. Aber trotzdem haben wir darauf geachtet, dass wir wirklich immer nur Songs gemacht haben, die auch wirklich als Songs funktionieren. Für mich war es absolut wichtig, dass es keine Lückenfüller gibt und alles auch für sich alleine stehen kann.
Kannst du uns etwas genauer schildern, wie das Album entstanden ist?
Wir haben in der Mitte von Deutschland ein Bootcamp gemacht. Dort haben wir für zwei Monate ein Studio angemietet und dann anderthalb Monate nur geschrieben und aufgenommen. Am Anfang war zum Beispiel Olli Banjo da, dann kam Curse mal für zwei Tage vorbei, Ercandize und Amar kamen mal am Wochenende und so weiter. Also jeder ist so gekommen, wie er Zeit hatte und dann haben wir daraus einfach das Beste rausgeholt. Es war aber echt schon ein bisschen Ghetto mit Matratze und Schlafsack auf dem Boden. Aber es haben sich trotzdem alle locker gemacht. Wir brauchten diesen Komfort auch nicht. In erster Linie ging es echt nur darum, Mucke zu machen.
Nachdem ich das Album mal kurz in der Listening Session anhören durfte, ist es wirklich so, wie es die Pressemitteilung "versprochen" hat. Es wirkt auf jeden Fall durchdachter, konzeptioneller, ernster und themenlastiger als die ersten beiden Teile. War das im Endeffekt auch dein Ziel?
Ich habe es zwar nie so artikuliert, aber ich glaube, dass das in meinem Kopf schon so war. Vor allen Dingen wollte ich dem Ziel näher kommen, ein Rapalbum zu machen, das andere nicht machen können, da sie skilltechnisch oder imagemäßig so festgefahren sind. Ich wollte einfach die Möglichkeit haben, ein Album zu machen, das einerseits so poppig und andererseits trotzdem so street, so respektiert, so kredibil und so lustig und interessant ist, sodass es jeden ansprechen kann. Dass es halt einfach Qualität hat. Demnach habe ich auch meine Features ausgesucht. Wenn bei den Features etwas nicht gepasst hat, habe ich es rausgeworfen. Aber auch wenn etwas von mir nicht gepasst hat, habe ich es rausgeworfen. Ich bin da auf jeden Fall auch mit mir selbst hart ins Gericht gegangen.
Auf der "John Bello Story 3" sind viel weniger Features vertreten als es auf den zwei Vorgängern der Fall war. Auf der anderen Seite sind von dir mehr Solotracks drauf. Hat das einen bestimmten Grund?
Die Leute wollten viel mehr Solotracks von mir hören, was auf dem zweiten Teil ja komplett ausgefallen ist. Ich selber wollte aber auch ein paar Solos haben, weil ich auf Tour gesehen hab, dass ich diese Solotracks einfach brauche und sie auch für mich persönlich wichtig sind. Es macht einfach Spaß, Songs alleine durchrappen zu können.
Wie kam es denn zu dem Feature mit den Ying Yang Twins?
Insgesamt ist es so gelaufen, dass ein Kollege von mir Kontakt zu deren Manager hat und die Jungs Bock darauf hatten, mal mit einem Deutschen zusammenzuarbeiten. Weiterhin hatten sie gehört, was ich mit Dem Franchize Boyz gemacht hatte. Ich habe versucht, einen gemeinsamen Nenner zwischen deren und meinen Vibes zu finden und denke, dass uns das auf jeden Fall gut gelungen ist.
Aber "gewispert" wird von dir aber nicht, oder?
[Lacht] Nein, nein, nein. Auf gar keinen Fall! Also wir haben schon sehr unterschiedliche Styles. Die haben zum Beispiel langsam über den Beat gerappt und ich Double-Time.
Auf dem Song "Weg Nach Draußen" singst du zur Hälfte. Ist das etwas, was dir Spaß gemacht hat und wir in Zukunft vielleicht noch öfter von dir hören werden?
Also ich glaube, um das öfter zu machen, müsste ich einfach besser singen können. Aber es kann sein, dass ich das noch mal mache. In dem Fall war es jedoch eine sehr spontane Idee, denn der Song ist nachts um 4 Uhr entstanden, als alle schon gepennt haben. Ich habe die Drums eingespielt, !Bazz hat die Keyboards gemacht und ich habe dann halt versucht, darüber zu schreiben. Es ist natürlich auch so, dass ich in letzter Zeit viel in diesem Gesangsstil für das MMS-Album mit Melbeatz und Moe Mitchell geschrieben habe und da dachte ich mir: na dann singst du ihn dieses Mal halt alleine - warum auch nicht? Und da ist man dann auch wieder an diesem Punkt, dass man echt alles machen kann. Es gibt ja auch in Amerika nicht viele Künstler, die sich das alles zutrauen. Also Lil Wayne ist hier vielleicht der einzige. Nicht, dass ich jetzt ein riesen Fan von ihm bin, aber wenn du sein Album hörst, dann merkst du, dass er es schafft, ein ernstes Thema mit einem Frauenthema zu kombinieren, dann mal auf einem Track zu singen oder auch mal totalen Unsinn zu machen. Das finde ich für mich persönlich auch interessant und ich denke, dass das auch das ist, was die Leute von mir erwarten und mich daher auch als besten deutschen Rapper gewählt haben. Einfach weil sie denken, dass ich zwar über Rap rappe, aber dabei auch sehr vielseitig sein kann. Dadurch habe ich auch das Gefühl, neue Fans dazu gewinnen zu können.
Wieso willst du das Kapitel "John Bello Story 3" mit dem neuen und letzten Teil schließen? Sind solche Projekte generell dann für dich kein Thema mehr oder nur konkret dieses?
Also ich denke, dass jetzt einfach echt alles gesagt wurde. Man sieht ja auch, dass das Ganze so ernst geworden ist, dass es eigentlich nicht mehr "Bello" ist. Ich meine im Sinne von durchdrehen und so weiter. Es würde keinen Sinn machen, danach noch einen "Bello"-Release nachzuschieben. Alle guten Dinge sind drei! Es erscheint mir einfach sinnig jetzt aufzuhören.
Was ist an dem Titeltrack "John Bello Story" so besonders?
Das ist eigentlich einer der wichtigsten Songs auf dem Album, weil es der erste Song ist, bei dem ich ehrlich über mein Leben erzähle. Das habe ich bislang auch noch nie getan.
Sind denn neben der Veröffentlichung von der "John Bello Story 3" für dieses Jahr noch weitere Releases geplant?
Das kann ich so nicht sagen. Es gibt echt so viele verschiedene Sachen, die möglich wären. Also erstmal werden wir im Mai auf Tour gehen. Natürlich arbeiten wir immer noch nebenbei an den Geschichten mit Moe Mitchell. Mir ist es persönlich erstmal wichtig, dass wir da fertig werden und dass es dabei natürlich auch gut wird.
Du meinst damit das MMS-Projekt [Anm. d. Rdk.: Moe Mitchell, Melbeatz, Kool Savas]? Wie sieht es da aus?
Sieht gut aus [lacht]. Wir sind sehr, sehr weit voran gekommen. Unter anderem hab ich hier auch textlich noch mit Franky Kubrick zusammengearbeitet. Wir haben auf jeden Fall schon viele Songs, die komplett fertig sind. Insgesamt sind wir glaub ich bei siebzehn bis achtzehn Tracks. Es geht also wirklich gut voran. Natürlich werden wir das ein oder andere hier noch heraussieben und dann mal schauen, was am Ende übrig bleibt. Also wenn wir vierzehn stabile Songs haben, würde ich mich freuen.
Und das Ganze soll dieses Jahr noch veröffentlicht werden?
Ich denke schon, dass es dieses Jahr noch klappt.
Wir sprachen ja zu Beginn kurz über die Juice Exclusive EP "Was Hat S.A.V. Da Vor?". Wie war denn hier eigentlich die Resonanz der Hörerschaft?
Super! Ich glaube die Leute waren schon überrascht, dass man die Tracks nicht einfach noch auf das Album gepackt hat, sondern eine EP gestartet hat. Und ich glaube sie fanden es gut, dass sich diese zwei großen Mächte zusammengetan haben. Ein großes Magazin und ein großer Rapper. Es war auf jeden Fall sehr unkompliziert und geil.
Das heißt, du würdest so etwas auf jeden Fall noch mal machen?
Klar! Natürlich müsste jetzt erst noch mal etwas Zeit vergehen, aber definitiv! Es war echt cool. Und die Leute haben es gefeiert. Man sieht das ja auch an der Anzahl der YouTube-Clicks und so.
In unserem vergangenen Interview mit Xavier Naidoo hat er uns verraten, dass er mit dir gemeinsam an einem großen HipHop-Projekt arbeitet, dass auch Parallelen zu solchen Shows wie Popstars haben soll. Kannst du mehr dazu verraten?
Nein, tut mir leid. Kann ich nicht!
Danke, das war's dann auch schon. Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Glück und Erfolg in deiner Karriere. Gibt es noch etwas, das du unbedingt loswerden oder den Lesern auf unserer Seite mitteilen willst?
Gebt euch den "Bello", hört euch das Teil mal an und schaut, ob es euch gefällt. Ich freu mich natürlich über jeden, der zur Tour kommt. Und wer die Platte nicht kauft, kann natürlich dennoch zur Tour kommen und feiern. Bleibt sauber, bleibt gesund!